Im Herzen der Regensburger Weltkulturerbe-Altstadt steht seit einem Jahr das neue jüdische Gemeindezentrum mit Synagoge. Zusammen mit dem nahen katholischen Dom St. Peter und der protestantischen Neupfarrkirche bildet es ein bemerkenswertes Dreieck – und zwar genau an der Stelle, an der eine 1912 eingeweihte und 1938 von den Nationalsozialisten zerstörte Jugendstil-Synagoge ihre Gläubigen schon über 26 Jahre lang versammelt hatte.

Dieser Ort war das Ziel von fast 80 Mittelschülern aus den Jahrgängen 5 bis 8 der Franziska-Obermayr-Schule, der dank der Initiative von Petra Wickert, der Leiterin von Caritas-Team Schule, und der Vorarbeit der Religions- und Ethiklehrkräfte weitere Auskunft über die kleinste der fünf großen Weltreligionen, das Judentum, geben sollte. Eingebettet ist dieser Baustein in das (Web-) Projekt „Uploading Holocaust“, das in unterschiedlicher Ausprägung in den Klassen der Mittelschule in Form von Workshops bearbeitet wird. Dabei sollen die Schüler mit Wissen ausgestattet und sensibilisiert werden, um gängigen Klischees und Vorurteilen begegnen zu können.

Bereits im Eingangshof, über dem das Gedicht „Gemeinsam“ der jüdischen Schriftstellerin Rose Ausländer (s. unten) als filigranes Band schwebt, gab es für die Lesebereiten die erste nachdenklich stimmende Auskunft. Auch das Innere der Synagoge – die (männlichen) Schüler und Lehrer betraten sie mit der angebotenen Kippa –  mit den warmtonigen Holzoberflächen, der schwebend wirkenden flachen Kuppel, der zentralen Bima – das Podest, von dem die Thora verlesen wird –  und der besonderen Lichtstimmung spricht die Gläubigen oder Besucher auf den 96 Sitzplätzen für Männer und auf den 64 (Empore-)Plätzen für Frauen an.

Noch waren die ersten Eindrücke nicht verarbeitet, stellte sich Rabbiner Joseph Chaim Bloch vor. Er steht seit elf Jahren der auf 1000 Mitglieder angewachsenen jüdischen Gemeinde in Regensburg vor, pflegt beste Kontakte – auch zu Vertretern anderer Glaubensgemeinschaften – und fühlt sich in Regensburg sehr wohl. Dann prasselte ein Fragengewitter auf den geduldig und auch mit einer Prise Humor entgegnenden jüdischen Gelehrten, dessen Hauptaufgabe die Thoralehre ist, herunter.

Ein kurzer, komprimierter Auszug aus den Antworten und Erläuterungen, die den Schülern ein begreifbares Bild des Judentums vermittelten:

– Das Judentum ist die älteste, eingottgläubige Religion, die vor 3332 Jahren am Berg Sinai gegründet wurde. Aus ihm haben sich das Christentum und der Islam entwickelt. Der Name „Gott“ darf nicht ausgesprochen werden. Jesus gilt nicht als „König der Juden“, sondern als Abtrünniger.

– Die Thora ist der erste und wichtigste Teil der hebräischen Bibel. Sie besteht aus den fünf Büchern Mose und wird im Thoraschrein aufbewahrt. Geschrieben wird sie mit Federkiel auf Pergament und genau vorgegebenen Buchstaben und kann bis zu 40 000 Euro kosten. Mit bloßen Händen darf sie nicht angefasst werden.

– Die jüdischen Speisegesetze aus der Thora schreiben genau vor, was ohne religiöse Bedenken gegessen werden kann (= koscher). So darf Fleisch nur von Tieren verzehrt werden, die gespaltene Hufe haben und Wiederkäuer sind. Schweine- und Kamelfleisch sind somit beispielsweise verboten. Außerdem muss bei der Schlachtung vollkommenes Entbluten – Blut ist die Seele eines Tieres – gewährleistet sein. Beim Zubereiten muss der jüdische Koch einiges beachten, z. B. separate Töpfe, bestimmte Abstellflächen. Einen Koscher-Laden gibt es in Regensburg ebensowenig wie ein koscheres Restaurant, koschere Nahrungsmittel sind teuer.

– An Schabbat, siebter Tag der Woche, ist ein Ruhetag, an dem keine Arbeit verrichtet werden soll. Natürlich gibt es hier Ausnahmen, zum Beispiel für medizinisches Personal, wenn bei Patienten Lebensgefahr besteht. Es besteht jedoch eine klare Regelung, die von orthodoxen Juden sehr streng, von liberalen Juden großzügiger ausgelegt und befolgt wird.

– Der achtarmige Channuka-Leuchter ist Symbol des acht Tage dauernden Lichterfestes, das wie die hohen Feiertage Rosch Haschana und Jom Kippur und die Wallfahrtsfeste Pessach, Schawuot und Sukkot einen bedeutenden Platz im jüdischen Kalender einnimmt. Mit der „Bar Mizwa“ bzw. „Bat Mizwa“ erreichen die Jungen im Alter von 13 Jahren bzw. die Mädchen im Alter von zwölf Jahren ihre religiöse Mündigkeit.

Mit dem Wunsch jeden Menschen zu respektieren – egal welchen Alters, Geschlechts, welcher Herkunft, Hautfarbe, Rasse, Sprache oder Religion – und dem bekannten Gruß „Schalom“ (Ruhe, Gesundheit, Frieden) verabschiedete sich Rabbiner Bloch von seinen interessierten und beeindruckten Besuchern.

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